Logo de Turquie Européenne

50 Jahre TürkInnen in Deutschland

Viertelbio-Deutsch-Bastarde

Montag 7. November 2011, von Alke Wierth

Nein, Deutscher sei der unfreundliche Kunde eben nicht gewesen, „Ostlu“, sagt der Kioskbesitzer: einer aus dem Osten also, aus der ehemaligen DDR - und damit kein richtiger Deutscher nach Auffassung des aus der Türkei stammenden Kioskchefs. Der Mann widerspricht umgehend: Aus der Türkei stamme er gar nicht. Von dort käme sein Vater, seine Mutter sei aber bereits hier geboren: als Kind türkischer Gastarbeiter.

Gastarbeiter? Gibt’s die noch? Nein: Die Mär von einem zeitlichen befristeten Arbeitsaufenthalt ausländischer Gastarbeiter und ihrer Rückkehr nach wenigen Jahren wurde von Deutschen und Einwanderern ja aufgegeben. Migrant heißen sie nun, also eigentlich Wanderer - vor dem Immigranten, dem Einwanderer, ziert sich die deutsche Öffentlichkeit noch.

Und was heißt hier türkisch? Was heißt - Deutsche und Einwanderer? Sind Einwanderer, die den deutschen Pass haben, etwa nicht Deutsche? Etwa sieben Millionen Ausländer leben in Deutschland, Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit mit dauerhaftem Wohnsitz hier also. Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund wird dagegen auf etwa ein Viertel der Bevölkerung geschätzt - wobei die deutsche Statistik noch das Enkelkind eines im Ausland geborenen Großelternteils als Migranten zählt.

Nicht nur damit hängt es vermutlich zusammen, dass in die USA oder nach Kanada ausgewanderte Türken sich leichter damit tun, sich als Amerikaner oder Kanadier zu bezeichnen, als es den Deutschtürken fällt, sich Deutsche zu nennen. Dort wird stärker das Bekenntnis zur demokratischen Verfassung und ihren Werten als Voraussetzung betrachtet. In Deutschland wird selbst die noch als Bekenntnis zum „Deutschtum“ betrachtet: Die deutsche Leitkultur liest sich wie Kultur, nicht wie Zivilisation, also Verfassung, Demokratie und Menschenrechte.

Viele Deutschtürken selbst mit rotem (EU-)Pass bezeichnen sich deshalb selber gern noch als Türken, Ausländer oder Yabanci, was Fremder und Ausländer heißt. Yabanci kann aber auch jemanden meinen, der kein Türke oder türkischstämmiger Deutscher, auch kein Biodeutscher, sondern etwas ganz Anderes ist.

Ihr Sohn habe in der Schule keine deutschen Freunde mehr, klagte mir einst eine türkische Freundin. Als ich diesen fragte, wie viele Ausländer in seiner Klasse seien, sagt er: 14 - von 29. Erst im Gespräch stellte sich heraus: Es waren 15 Türken und 14 SchülerInnen sonst wie nichtdeutscher Herkunft: Russen, Polen, Vietnamesen - Ausländer eben. Ach so.

Menschen nichtdeutscher Herkunft oder nicht deutscher Herkunftssprache, abgekürzt ndH, tummeln sich scheinbar vor allem an Schulen: als SchülerInnen oder deren Eltern, gerne in Verbindung mit dem Adjektiv bildungsfern. Den Migrationshintergrund findet man vor allem in Stellen- und Projektausschreibungen sowie Texten von SozialpädagogInnen und PolitikerInnen.

Göcmen heißt das türkische Wort für Migrant, als türk kökenli bezeichnet man jemanden, der türkischer Herkunft ist. Mit dem Wort türkischstämmig kann man sich im Deutschen aber schwer in die Nesseln setzen: Ist das Gegenüber etwa kurdischer oder tscherkessischer Herkunft, will es vielleicht lieber als türkeistämmig bezeichnet werden - ein Wort, das es eigentlich nicht gibt. Doch vielleicht ist genau das die Lösung: Neue Worte müssen her, wie etwa das Almanci, mit dem Türkeitürken Deutschtürken benennen. Deutschenähnlich bedeutet es ungefähr, deutschenartig, und meint jemanden, der in Deutschland wohnt, aber kein echter Deutscher ist.

Womit wir wieder bei den richtigen Deutschen wären: Biodeutsche oder Altdeutsche werden heute von manchen diejenigen genannt, bei denen kein Migrationshintergrund ersichtlich ist. Bei genauerem Hinsehen zeigt der sich häufig dennoch und liegt oft auch nur eine Generation weiter zurück als derjenige der GastarbeiterenkelInnen.

Wie aber entrinnt man diesem Sprachdilemma? Ganz simpel: gar nicht. Alle diese Bezeichnungen basieren auf einer Vorstellung von ethnischer Reinheit und Unvermischtheit, die vielleicht in der Theorie gedacht werden kann, aber in der Realität nicht vorkommt. Die Welt ist viel größer und bunter, und wir sind längst alle „hybride Bastarde“, wie der Berliner Kulturwissenschaftler Kien Nghi Ha so lebensklug wie wissenschaftlich sattelfest festgestellt hat.

Télécharger au format PDFTélécharger le texte de l'article au format PDF

Online ansehen : Viertelbio-Deutsch-Bastarde

Quellen

Source : taz.de, 31.08.2011

Neues im WWW

SPIP | Skelett | | Sitemap | Aktivitäten verfolgen RSS 2.0